SN   22.10.09   Die alte Liebe SV Obernkirchen

Obernkirchen (hga.). Oliver Nerge ist als Fußball-Trainer der B-Junioren des SV Obernkirchen ein Musterbeispiel für eine Trainerkarriere im Jugendbereich. Mit Beginn der sportlichen Laufbahn von Sohn Fabian stieg Nerge mit ein. Damit endet allerdings der so typische Zusammenhang zwischen „Sohn spielt Fußball, Vater springt als Trainer ein“. Der 43-jährige Polizeibeamte ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und nach eigenem Bekunden begeisterter Saunagänger und ein Obernkirchener Urgestein. Vom ganz kleinen Steppke bis hin zur A-Jugend verbrachte Nerge die fußballerische Jugend beim SVO. Es folgte der Wechsel in den Herrenbereich, danach ein Ausflug zum SV Engern und die Rückkehr als Spielertrainer zum SVO. Zwei weitere Stationen beim TuS Hessisch Oldendorf und der TuSG Wiedensahl - beide Male als Spielertrainer - kamen zur sportlichen Laufbahn hinzu. Am Ende stand die Rückkehr dahin, wo alles begann. Beim SVO ist Nerge heute noch in der Alt-Altherrenmannschaft aktiv. In der Zeit beim TuS Hessisch Oldendorf begann die Laufbahn Fabians als Fußballer und die des Vaters als Jugendtrainer. Sie dauert seit den G-Junioren bis heute an, das vorläufige Ende ist erreicht, wenn Fabian in den Herrenbereich wechselt. Selbst gemachte Erfahrungen in den langen Jahren als Spieler und Trainer waren und sind eine Grundlage des Erfolges. So fällt es Nerge nicht wirklich schwer, eigene Stärken und Schwächen zu definieren. „Ich bin ehrlich und gerecht. Dazu kommt meine Zielstrebigkeit, die ich versuche an die Jungs weiterzugeben“, beschreibt Nerge Stärken. „Vielleicht bin ich in manchen Dingen zu ungeduldig, wenn es nicht gleich klappt“, formuliert der Coach eine bei sich vermutete Schwäche. Den Reiz an der Jugendarbeit findet Nerge in der Weitergabe von Wissen, ist dabei nicht nur auf das rein Fußballerische beschränkt. „Man kann eigene Vorstellungen umsetzen, die Jungs saugen das Wissen auf“, erklärt Nerge. Bei der Frage nach Verbesserungspotenzial schweift der Blick Nerges auf dem Sportgelände in Obernkirchen umher. „Die Infrastruktur, Umkleidekabinen und so etwas, da ist vieles stehen geblieben“, meint Nerge. Nichtsdestotrotz, ein Argument in die Nachwuchsarbeit einzusteigen, ist schnell da: „Die Begeisterung der Kinder zu sehen und zu fördern. Man bleibt jung im Kopf.“ „Wir haben eine ganze Reihe an Meisterschaften eingefahren. Emotional am frischsten ist das Double vom vergangenen Jahr“, findet Nerge gute Erinnerungen, im speziellen Fall Hallen- und Feldmeisterschaft. Insgesamt freut ihn die Tatsache, dass beim SVO wieder auf Bezirksebene Jugendfußball gespielt wird. Aber da sind auch weniger schöne Seiten im Jugendbereich. „Mir ist ein Dorn im Auge, wie manche Trainer mit den ihnen anvertrauten Kindern umgehen“, benennt Nerge etwas, was ihm gar nicht passt. Für ihn sei es wichtig, die Persönlichkeiten der Nachwuchsspieler zu entwickeln, ohne gleich den pädagogischen Zeigefinger zu heben. So legt Nerge sein persönliches Ziel dar, wozu auch die Vermittlung eines respektvollen Umganges mit anderen Mannschaften und Menschen allgemein gehört. Eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern gehöre dazu, meint Nerge und räumt ein: „Da habe ich all die Jahre viel Glück gehabt.“

SN   15.10.09   Engwers Herz schlägt für den FCK

Obernkirchen (hga.). Timo Engwer ist Abwehrspieler beim Kreisligisten SV Obernkirchen. Der 23-jährige ledige Postverkehrskaufmann hat schon einige Stationen in seinem Fußballerleben hinter sich. Die sportlichen Anfänge liegen bei den F-Junioren vom SV Obernkirchen. Bis zu den C-Junioren blieb Engwer in Obernkirchen, wechselte dann zum VfL Bückeburg. Dort spielte er zwei Jahre bei den B-Junioren, ehe ein erneuter Wechsel anstand. Diesmal ging es zu den A-Junioren der JSG Liekwegen-Nienstädt-Sülbeck. Wie schon in Bückeburg eine erfolgreiche Zeit, der Wechsel in den Seniorenbereich ging beim TuS Sülbeck vonstatten. Drei Jahre blieb Engwer. „Dann bin ich zurück nach Obernkirchen“, erinnert sich der jetzige SVO-Kapitän. Normalerweise spielt der Linksfuß im defensiven Mittelfeld, passt sich aber taktischen Vorgaben an. „Zurzeit wohl hauptsächlich Innenverteidiger“, meint Engwer. In seiner bisherigen sportlichen Laufbahn hat Engwer schon einige Trainer erlebt, den tiefsten Eindruck hinterließ Steffen Mitschker. „Er war unser Trainer beim TuS Sülbeck und hat uns als junge Mannschaft damals zusammengehalten“, beschreibt Engwer die damalige Zeit. Es sei eine junge Mannschaft gewesen, da bestanden durchaus Möglichkeiten zu einem Wechsel. „Man lernt aber von jedem Trainer etwas“, vervollständigt Engwer den Blick zurück. Am meisten Spaß machte es ihm zurückblickend beim VfL Bückeburg. „Die Zeit bei den C- und B-Junioren mit Spielen gegen Hannover 96 oder den VfL Wolfsburg“, sagt Engwer. Da sei ein Sieg schon etwas Besonderes gewesen. Am Regelwerk des deutschen Fußballs als solchem hat der Abwehrspieler keinen Änderungsbedarf ausgemacht. Allerdings wünscht er sich „besseres Augenmaß“ der Schiedsrichter. „Ich bin eher ein rustikaler Spieler“, räumt Engwer ein. „Aus meiner Sicht werden da zu schnell die Karten gezückt“, beanstandet Engwer manche überharte Entscheidung der Schiedsrichter. Das gelte in keinem Fall für offensichtlich nur auf den Körper gerichtetes rüdes Einsteigen von Gegenspielern. „Aber es kann kaum noch eine Grätsche angesetzt werden, die Ball und Gegner trifft“, fordert der Abwehrspieler ein genaueres Hinsehen. Engwer selbst weiß jedenfalls genau, bei welchem Spitzenclub er gern einmal auflaufen würde. „Das wird zwar jetzt überraschen, aber für mich gibt es als Verein da nur den 1. FC Kaiserslautern“, legt er seinen Wunsch dar. Der FCK sei schon von Kindesbeinen an sein Lieblingsverein gewesen. Der Sprung vom Wunschtraum zur Realität der Kreisliga gelingt ihm schnell. „Mit dem neuen Trainer Olaf Seifert den Karren aus dem Mist ziehen“, lautet für Engwer das Nahziel in der laufenden Saison. Beim Blick in die weitere Zukunft offenbart Engwer präzise Vorstellungen: „Ich möchte in ein oder zwei Jahren im Bezirk Fuß fassen.“

SN   09.09.09   Wie ein Spatz im Tor gewirbelt

Obernkirchen. Mit Ludwig Seifert, der seit Jahrzehnten unter Freunden und Verwandten nur „Spatz“ genannt wird, feiert heute ein Obernkirchener Original seinen 70. Geburtstag. Nach seinen 1500 Pflichtspielen als Fußballer landete er 2001 im Guinnessbuch der Rekorde. Er war ein sehr guter Torwart: Gelobt wurden vor allem seine schnellen Reaktionen – er flog wie ein Spatz durch den Torraum. Begonnen hat „Spatz“ Seifert seine sportliche Karriere beim SV 45 Krainhagen. Als A-Jugendlicher wechselte er zum SVO. Von 1957 bis 1963 spielte er in der damaligen Amateurliga. Danach brachte er seine Leistungen noch bis 1973 in der Verbandsliga. Höhepunkte seiner Karriere waren die Aufstiegsspiele im Jahre 1962 gegen den Lüneburger SK und Goslar 08. Damals gehörte er auch zum Kader der Niedersachsen-Auswahl. Bis heute ist er dem SVO treu geblieben und hat allen Abwerbungsversuchen standgehalten. Nach seiner Karriere spielte Seifert noch viele Jahre in der „Zweiten“ des SVO als Libero. Im Alt-Herrenbereich erwarb er seine Verdienste als Spielführer, Betreuer und Organisator. Selbst als 50-Jähriger ist er nochmals für ein Spiel gegen Rinteln in das Tor der ersten Mannschaft zurückgekehrt, um seinem Verein im Abstiegskampf der Bezirksliga zu helfen. Bis vor drei Jahren spielte „Spatz“ Seifert noch aktiv bei den so genannten Alt-Alt-Herren, startete dort sogar bei der Niedersachsen-Meisterschaft. Noch heute nimmt er am Training teil. sig

SN   01.12.09   Abenteuer Hannover 96 dank Opas Fahrdienste

Nienstädt (hga.). Es gibt Zufälle, die gibt es eigentlich gar nicht. So einen Zufall erlebte Nico Schneckener vor rund vier Jahren, dieser brachte ihn in die Nachwuchsabteilung des Fußball-Bundesligisten Hannover 96. Vier Jugendspieler der JSG Liekwegen/Nienstädt/Sülbeck waren in Begleitung von Horst Deppe auf dem Weg zu einem Probetraining beim Erstligisten. Schneckener und sein Großvater Walter Nürge schlossen sich kurzerhand als fünftes Rad am Wagen an. Am Ende des Tages stand die Überraschung: „Opa, der Trainer möchte mal mit Dir reden“, überbrachte Nico eine Bitte von 96-Jugendcoach Toralf Riebe. „Mir ist das so peinlich gewesen“, erinnert sich Nürge vier Jahre später. Es folgte der Wechsel von den D-Junioren beim SV Obernkirchen zu den C-Junioren in die Landeshauptstadt. Mittlerweile hat Nico viele Erfahrungen gesammelt. Aktuell liegen die 96-B-Junioren in der Bundesliga auf dem 8. Platz. Die Gegner hießen plötzlich nicht mehr SC Rinteln und VfL Bückeburg, sondern Schalke 04, Borussia Dortmund oder Werder Bremen. „Jetzt ist das normal“, sagt Nico und räumt ein, vor allem zu Beginn „schon Respekt“ vor den anderen gehabt zu haben. „Ich bin auch deshalb zurechtgekommen, weil ich gut aufgenommen worden bin.“ Von den 20 Spielern im damaligen C-Jugend-Kader sind noch drei in der heutigen Mannschaft dabei. Die Auslese ist hart, Disziplin – egal ob persönlicher oder mannschaftlicher Natur – ist keine bloße Redensart. Der Linksfuß aus Vehlen steht jetzt vor der härtesten Probe: Es geht um den Übergang in die A-Jugend. Ein harter Konkurrenzkampf kennzeichnet den Trainingsalltag, am Ende der laufenden Saison fällt die Entscheidung. Er wolle in jedem Falle versuchen, den Sprung zu schaffen, sagt der 16-Jährige. Angefangen hat alles beim SVO. Der Opa spielte von Anfang an als Fahrer eine wichtige Rolle. Wie schon in der Obernkirchener Jugend fährt Nürge den Enkel auch heute noch zum Training – pro Woche geht’s viermal nach Hannover. „Ich habe kaum einmal einen Trainingstag verpasst“, erzählt Nürge, dessen Frau Else in der Obernkirchener Zeit als Trikotwäscherin im Einsatz war. Ohne Opas Fahrdienst wäre das Abenteuer Hannover 96 so nicht möglich gewesen. Zu den Heimspielen ist Nürge sowieso dabei. Nach Bremen oder Hamburg fahre die Familie auch mit. „Spiele wie in Berlin oder Rostock sind aber zu weit“, sagt Nürge. Als sechsjähriger begann Nico die Fußballkarriere bei den G-Junioren in Obernkirchen. Sein damaliger Trainer Oliver Nerge begleitete ihn bis zu den D-Junioren. In jedem Jahrgang gewann der SVO-Nachwuchs Kreismeistertitel. „Olli hat ihm den Weg bereitet“, konstatiert Nürge. Nerge ist heute als Trainer der Obernkirchener B-Junioren immer noch dabei, die Mannschaft spielt in der Bezirksliga. „Ich fand die Zeit gut. Vor allem habe ich da Freunde gefunden, mit denen ich heute noch zur Schule gehe“, blickt Nico zurück. Wenn in Hannover einmal ein Trainingstag ausfällt, genügt ein Anruf bei Nerge – und Nico trainiert bei seinen alten Kumpels mit. Der Youngster strebt den erweiterten Realschulabschluss an. An den Trainingstagen bleibt allerdings nicht viel Zeit zum Lernen. „Ich komme schon klar. Wenn der Stoff zu umfangreich ist, muss ich aber schon mal ein Training absagen“, beschreibt Nico den Lernalltag. Das werde aber vom Verein rückhaltlos akzeptiert. Die sportliche Zukunft ist offen, soweit es 96 angeht. Selbst wenn der Sprung in die A-Junioren und damit ganz dicht an die 1. Liga nicht gelingt, umsonst war die Zeit nicht. Der Vehlener Youngster hat eine ganze Menge gelernt – nicht zuletzt in Hinsicht auf die Planung des Alltags.

SZ   17.06.06   ”Spatz" Seifert hat sogar uns Uwe übertrumpft

Schluss mit 67: Fußballschuhe kommen an den Nagel

Von Siegfreid Klein

Obernkirchen. Das passt zu Ludwig Seifert, der gern auf seinen im Pass eingetragenen Vornamen verzichtet: "Ich habe mich daran gewöhnt, dass alle Welt mich "Spatz" nennt, also kann es dabei bleiben", sagt er. Für einen 67-Jährigen ist das schmusige Kosewort sicherlich etwas ungewöhnlich. Aber ungewöhnlich ist der ganze Mann, der mit Leib und Seele Fußballer war und jetzt mit diesem Sport Schluss gemacht hat.

Der Zeitpunkt mag zufällig gewählt sein, denn "Spatz" Seifert hat keine gesundheitlichen Gründe für diesen Schritt. "Ich bin noch fit wie ein Turnschuh und spiele ja noch mit gutem Erfolg Tennis", bestätigte uns der stringente Nichtraucher. Auf der anderen Seite absolvierte er sein letztes offizielles Fußballspiel vor kurzem bei der Niedersachsenmeisterschaft der Alt-Alt-Herrenteams. Und auch das passt zu der großartigen sportlichen Karriere des Obernkircheners.

Das Adjektiv "großartig" hat sicherlich ein Mann verdient, der sich als 50-Jähriger noch einmal in das Tor der ersten Mannschaft des SV Obernkirchen stellte und damit seiner Mannschaft beim entscheidenden Abstiegskampf gegen Rinteln zum Erhalt der Bezirksliga verhalf. Damals war sein Nachfolger Michael Scherf verletzt.

"Spatz" Seifert ist so bodenständig geblieben wie einst Klaus Kramer und Fritz Kemker beim VfL Bückeburg. Nicht ohne Grund ist auch Uwe Seeler sein Vorbild. "Der war und ist noch immer gradlinig, solide, vereinstreu und eine grundehrliche Haut", lautet sein Urteil über den Ehrenspielführer.

Nach der Vertreibung aus seiner schlesischen Heimat spielte Seifert von 1952 bis 1957 zunächst in Krainhagen. Als A-Jugendlicher kam er zum SVO. Von jenem Zeitraum an absolvierte er dort 1502 Spiele in der ersten Herrenmannschaft und kam damit in das Guinnesbuch der Rekorde. Als Torwart erlebte er viele Höhen und Tiefen seines Vereins. Vor allem in den Jahren 1957 bis 1963, als der SVO in der Amateuroberliga spielte und danach bis 1973 in der Verbandsliga.

Zu den unvergessenen Höhepunkten zählten die Aufstiegsspiele 1962 gegen den Lüneburger SK und Goslar 08. Da kamen über 4000 Zuschauer ins Bornemann-Stadion. Als der SVO ein Jahr vorher beim SV Arminia Hannover mit 1:0 siegte und Meister wurde, wollten die Hauptstädter "Spatz" Seifert abwerben, aber der blieb standhaft. Immerhin gehörte er aufgrund seiner Leistungen bereits zum Kader der Niedersachsenauswahl.

"Ich habe nach der eigentlichen Karriere auch noch in zweiten Herrenmannschaft weiter gespielt, dann allerdings nicht minder erfolgreich in der Abwehr als Libero", erinnerte sich Seifert. Es folgte die Zeit im Alt-Herren-Bereich, wo er sich als Spielführer, Betreuer und Organisator bewährte.

Dass er so viel Sport treiben durfte, neben Fußball seit 1985 auch noch Tennis, zeitweilig in der zweithöchsten norddeutschen Klasse, dazu im Winter Langkauf - dafür ist er seiner Ehefrau dankbar, die selbst ein begeisterter Fußballfan ist und ihn nie gebremst hat.

Dass sie ihn auch "Spatz" nennt und nicht umgekehrt, liegt daran, dass der kleine Ludwig früher ein schmächtiges Bürschchen war und damals im Tor wie ein Spatz herumhüpfte.

Das hat sich zwar später geändert, aber der Kosename ist geblieben.
© Landes-Zeitung, 17.06.2006

SZ   01.07.10   SVO: Struckmeier will für Aufschwung sorgen

Obernkirchen (sig). Mit Fug und Recht kann Alt-Bürgermeister Adolf Bartels nach vielen Ehrenämtern auch beim SVO erklären: „Ich habe fertig.“ Der Sportverein der Bergstadt weiß, was er ihm zu verdanken hat. Nach zwölf Jahren als stellvertretender Vorsitzender nahm er jetzt seinen Abschied.

Schon vier Jahre vorher hatte Bartels seinen Ausstieg aus dem Amt angekündigt. Die Versuche, einen Nachfolger für ihn zu finden, waren bislang gescheitert. Das war auch bei den Neuwahlen der letzten Mitgliederversammlung nicht anders. Bei den Gesprächen im Vorfeld gab es wieder keine Lösung. Aber diesmal machte Bartels ernst und trat nicht noch einmal an. Auch der Hinweis auf seine Verdienste, insbesondere bei der Planung und beim Bau des Vereinsheimes, konnte das frühere Stadtoberhaupt nicht umstimmen. So zeichnete sich für den 1. Vorsitzenden Andreas Jürgens ab, dass er keinen Stellvertreter bekommt.

Doch dann wurde ihm aus der Mitte der Versammlung ein Name zugerufen: Wolfgang Struckmeier. Dieser Mann ist seit 44 Jahren Vereinsmitglied und hat dem SVO schon früher etliche Jahre als Fußball-Spartenleiter und auch als 1. Vorsitzender gedient. Zuletzt gehörte er als Schriftführer dem Vorstand an. Der 53-Jährige erkannte den Ernst der Situation. „Ich habe erlebt, wie schwierig es ist, Leute für Führungsaufgaben zu finden, und wollte den Fortbestand des Vereins sichern“, begründete Struckmeier seine Entscheidung für ein Ja.

Unsere Zeitung wollte von ihm wissen, welchen Beitrag er für die weitere Entwicklung des SVO leisten will. Als eines der wichtigen Ziele nannte der neu gewählte 2. Vorsitzende den Aufstieg der 1. Herrenmannschaft in die Bezirksliga. Struckmeier: „Wir haben eine schwierige Phase hinter uns, sind erfreulicherweise aber nicht abgestiegen. Jetzt muss der Wiederaufbau erfolgen. Dazu kann auch unsere gute Jugendarbeit beitragen und der künftige Trainer Marco Gregor, der schon früher bei uns tätig war.“

Der SVO-Vize erinnert sich gern der Zeiten, in denen Tausende von Zuschauern bei den Derbys gegen Bückeburg und Stadthagen als Zuschauer dabei waren. Ganz so viele werden es künftig nicht mehr werden, aber nach einem Wiederaufstieg würden Spiele gegen die Schaumburger Bezirksliga-Teams aus Stadthagen, Nienstädt, Rinteln und Evesen sicherlich wieder für vollere Stadien sorgen.

SZ   22.06.2012   „Halbrechts war meine Lieblingsposition!“

von Carsten Beck

Durch die erfolgreiche Relegationsrunde und dem damit verbundenen Aufstieg in die Bezirksliga hat SV Obernkirchen zumindest die Versenkung des Kreisfußballs hinter sich gelassen. Einer der die besten Zeiten des Obernkirchener Fußballs mitgeprägt hat, ist Rolf Pröpper, der vor kurzem seinen 70. Geburtstag feierte und noch immer mit dem SVO fiebert.

„Der Rolf war ein hervorragender Techniker, dem der Begriff Foulspiel ein Fremdwort war. Ein ruhiger, ein richtig netter Kerl – auf und neben dem Platz“, sagt Fritz Krömer, der es wissen muss. Von den Schülern bis zu den Senioren spielte Krömer Seite an Seite mit dem Geburtstagskind.

Keine Frage, Rolf Pröpper gehört zweifelsfrei zu den besten Fußballern, die je im Schaumburger Land gekickt haben. Zu seiner besten Zeit spielte er mit dem gelben Sporthemd des SV Obernkirchen in der Verbandsliga – das war damals die dritthöchste Liga. Und es wäre um Haaresbreite die zweithöchste Klasse geworden, hätte nicht Goslar 08 in der Aufstiegsrunde (mit Eintracht Lüneburg und Hann. Münden) ein glückliches 2:2 auf dem Ochsenbruch erzielt. Es waren die 60er Jahre, als der Ochsenbruch noch bebte, die Besucherzahlen im vierstelligen Bereich lagen. Im sogenannten WM-System ist der junge Pröpper groß geworden und wurde schnell zum Leistungsträger bei den Bergstädtern. Seine ebenso präzisen wie öffnenden Diagonalpässe über 30, 40 Meter waren seine Spezialität. Rolf Pröpper konnte das Spiel lesen, Situationen antizipieren. Seine ausgefeilte Technik stand ihm dabei Pate und Defizite bei der Antrittsschnelligkeit wurden dadurch kompensiert. Ein Torjäger war der Jubilar nicht, aber sieben, acht Buden war Jahr für Jahr Standard. Die Torquote hielt sich auch deshalb in Grenzen, weil die Stärke des SVO mit einem exzellenten Torwart Ludwig „Spatz“ Seifert und robusten Abwehrspielern das Spiel aus der Abwehr, das Kontern war.

Rolf Pröpper ist gemeinsam mit seinem drei Jahre jüngeren – im Jahr 2009 verstorbenen – Bruder Gerhard in Obernkirchen „Downtown“ aufgewachsen. Zum Schrecken und zum Ärger der Nachbarn, denn der Ball war das angesagte Spielgerät auf dem Markt- und Kirchplatz. Doch das Gebolze war nicht alles: Im Sommer wurde unter Ernst Brinkmann Leichtathletik betrieben und im Winter geturnt. Beim Fußball wurde das Multitalent in die zweite Schülermannschaft gesteckt, weil die Betreuer der festen Überzeugung waren, dass nur die „Hüttjer“ (Wohngebiet rund um die Glashütte) richtig gut gegen den Ball treten konnten. Jenseits der Bahnlinie wohnten die „Städter“ – und mussten mit den Vorurteilen leben. Das änderte später aber nichts daran, dass der A-Jugendliche Pröpper sofort Stammakteur in der „Ersten“ wurde. Und das blieb auch 18 Jahre so – die letzten zehn als Mannschaftsführer. Zudem wurde aus dem Halbrechten später ein rechter Läufer, ein defensiver Mittelfeldspieler und letztlich ein Libero. Zu Helmut Rödenbeck pflegte er ein besonderes Verhältnis – auch, weil er als Trainer mit Lizenz viele Impulse setzte. Mit Günther Liehr kam er weniger gut zurecht und kickte fortan in den unteren Teams. Bis vor fünf Jahren wurde noch altersgerecht trainiert und sporadische Einsätze bei den Altsenioren gehörten zum gerne genommenen Pflichtprogramm. Die Arthrose, die Schmerzen im linken Knie bestimmten letztlich das Karriereende.

Rolf Pröpper hat Maschinenbauer bei der Obernkirchener Firma Bornemann gelernt und besuchte anschließend die Technikerschule in Minden. Später stieg er in das elterliche Taxigeschäft ein und übernahm 1984 den Betrieb. Noch heute sitzt der Vater zweier Töchter hinter dem Steuer und ist guter Hoffnung, dass sein Enkel Fyn Martin (15) in seine Fußstapfen tritt. Rolf ist ein „echter“ Obernkirchener, sein Vater ist jedoch in Dortmund geboren – und Fan des FC Bayern gewesen. Dieses Gen ist voll auf den ältesten Sohn durchgeschlagen und deshalb wundert es wenig, dass im Urlaub vornehmlich im Chiemgau gewandert wurde. Aber auch der Schwarzwald wie der heimische Bückeberg ist bekanntes Terrain für das Ehepaar Pröpper.

Seine Frau Christiane hat Rolf 1972 geheiratet. Es lief gerade die EM 1972, und weil ausgerechnet Deutschland an dem Festtag spielte, drohten die Gäste mit Absage oder verspätetem Kommen. Doch der Anstoßtermin machte es möglich: Zwischen Kaffeetrinken und Abendbrot stand der Fernseher im Mittelpunkt. Vier Jahrzehnte später hat sich nichts geändert. Wieder wird um Europas Krone gespielt, und wieder musste Deutschland ran. Die Lösung war dieses Mal einfacher: Die Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag, zum 60. Geschäftsjubiläum und zum 40. Hochzeitstag wurden einfach um einen Tag verschoben.

Ein besonders schönes Geschenk haben dem Multi-Jubilar „seine“ Kicker vom SVO mit dem Aufstieg in die Bezirksliga gemacht. „Ich freue mich riesig für die Mannschaft. Ich habe das Gefühl, dass der Begriff Kameradschaft wieder an Bedeutung gewinnt. „Es ist zu spüren, hier ist Herzblut im Spiel“, sagt Pröpper. Herzblut, das verbindet Rolf Pröpper wohl sein ganzes Leben mit dem SV Obernkirchen. Denn nur so sind seine Worte vor dem Anpfiff des entscheidenden Relegationsspiels zu deuten: „Ich halt’s vor Nervosität kaum noch aus!“

SZ   21.02.13  „Elli Pirelli“ fährt gerne Slalom – mit dem Moped und dem Gegner

Das Dream-Team von Olaf Seifert

Fußball. Das Leben des 43-Jährigen aus dem beschaulichen Seggebruch ist genormt – mehr oder weniger. Der Beruf, die Familie und der Sport bestimmen den Alltag mit seinen Gewichtungen. Als Geschäftsführer einer börsennotierten Rintelner Industriefirma ist er viel unterwegs. Den Stammsitz in Down Under kennt Olaf Seifert allerdings nur von Bildern und Filmen – Melbourne liegt eben nicht um die Ecke. Dafür ist er umso häufiger in Zürich, der europäischen Zentrale der Produktionsfirma für Verpackungen und Plastikflaschen, präsent.

So kommt es nicht von ungefähr, dass für den Kaufmann neben seinem ebenso intensiven wie zeitaufwendigen Job die Familie nicht nur Ruhepol und Verpflichtung ist, sondern auch sein liebstes Hobby. Und wenn der eine oder andere Tag zwei, drei Stunden übrig lässt, frönt Olaf seinen Lieblingssportarten: Tischtennis, Tennis und „natürlich“ dem Fußball.

Die Familie Seifert hat im Laufe der Zeit tiefe Spuren auf dem Ochsenbruch hinterlassen. Ludwig, Wendelin, Siegfried und Olafs Vater Roman standen für ausgelebte Lust am runden Spielgerät mit all seinen Facetten. Engagement pur. Vieles von dem hat der Neffe und Sohn voll inhaliert.

Und dass der Name Seifert in der Fußballhistorie des Vereins von 1920 auch in Zukunft ein fester Bestandteil bleibt, dafür sorgt Rouven. Der Fünfjährige spielt in der G-Jugend und ist mit wachsender Begeisterung dabei. Sehr zum Leidwesen von Mama Stella, die als „Taxifahrerin“ zunehmend eingespannt wird. Da zieht sie doch lieber einen Familienfahrradausflug vor – mit der achtjährigen Kira an der Spitze.

Wie sein Sohn, rannte auch der kleine Olaf bereits mit fünf Jahren dem Ball in einem gelben Trikot hinterher. Nach der Jugendzeit folgten die beiden ersten Spielzeiten bei den Senioren. Seine Schnelligkeit gepaart mit einer grundsoliden Technik setzte er vornehmlich auf dem rechten Flügel ein.

Mit 21 Jahren wechselte der junge Angreifer, der mehr Vorbereiter als Vollstrecker war, zum VfL Bückeburg. Es war die Zeit, als der „knallharte“ Kunstrasen gerade beerdigt wurde. Fünf Spielzeiten und ein Aufstieg unter Werner Nolte bleiben haften. Anschließend ging es für zwei Jahre zu Preußen Hameln – auch, weil es seinerzeit zur Bockwurst den Senf noch kostenlos dazu gab.

Als sämtliche Würste gegessen waren, wurde das Jahnstadion wieder zur Heimat. Es folgte der Aufstieg unter Ralf Fehrmann in die Niedersachsenliga – und eine lange Leidensgeschichte im zweiten Jahr nach der Rückkehr. In der Vorbereitung zog sich der inzwischen 31-jährige „Elli“ einen Mittelfußbruch zu, der infolge eine Thrombose und eine Lungenembolie auslöste. Nach neun Monaten stand Olaf wieder auf dem Platz – aber vom einstigen Elan war vieles im Krankenbett hängen geblieben.

Deshalb ging es zur Jahrtausendwende zurück in die Bergstadt – ein Kreis hatte sich geschlossen. Im reifen Fußballalter folgte die schönste Zeit: wieder daheim, eine tolle Truppe, ein fantastisches Umfeld. Das gewonnene Entscheidungsspiel in Eimbeckhausen (Rückkehr in die Bezirksliga) mit seinen Kumpels Stefan Büngel, Jan Marzinowski und Ludwig Castaldo gegen den SC Duingen vor über 1000 Zuschauern ist ganz fest eingebrannt. Als im Jahr 2010 das Abstiegsgespenst beim SVO bedrohlich nahe kam, wurde Olaf zum Retter: Als Trainer und als Spieler.

Jenseits der rechteckigen Spielfläche ist der Vollblutkicker stolz darauf, dass bei Geburtstagsrunden weiterhin Kindergartenbekanntschaften gepflegt werden. Dabei wird selbstverständlich auch über seinen Lieblingsverein, dem HSV, gesprochen. Als junger Bursche war er von Rudi Kargus, Kevin Keegan & Co. total begeistert. Die Spielernamen haben sich geändert, die Liebe zum Verein mit der Raute auf dem Hemd ist geblieben.

Beim Aufstellen seines Dream-Teams hat sich Olaf „Elli“ Seifert schwergetan. Als die Mannschaft nominiert war, musste der Rotstift herhalten. Weil ein Team mit 17 Kickern ja sofort disqualifiziert wird, kam auch „Onkel Spatz“ auf die Streichliste, obwohl Olaf mit ihm noch zusammenspielen durfte. So auch bei einem Vorbereitungsspiel während der Winterpause, als er als Torwart der einzige Spieler auf dem Platz war, der keine Handschuhe trug.

Die Elf von Olaf Seifert (mit gleich drei kreativen Linksfüßern im Mittelfeld): Scherf – Blaume, Krantz, Pilzecker – Hales, Rödenbeck, Bomba, Kramer – Reichelt, Castaldo, Süper. Trainer: Schönbeck.

SZ   27.08.15  Mit Kult- und Witz-Potenzial

Wolfgang „Collin“ Stein ist trotz langer Leidensgeschichte neuer Stadionsprecher beim SV Obernkirchen

Fußball. Wie unterschiedlich die Menschen doch sind. Die einen jammern, obwohl es ihnen gut geht. Andere werden schwer geprüft und machen Witze – sogar über sich selbst. Wolfgang „Collin“ Stein hat diese beneidenswerte Fähigkeit perfektioniert. Sein spitzbübischer Humor ist ihm ins Gesicht geschrieben, sein sarkastischer Witz ist auch ein Stück Selbstschutz. Denn der fast 70-Jährige hat viel durchgemacht. Er sprang dem Tod bei einer Operation am Kopf von der Schippe, er hat drei Schlaganfälle überlebt und er saß zeitweise im Rollstuhl.

Aber er ist wieder da und er erzählt Witze wie diesen: Ein Patient wird im Notarztwagen behandelt und stellt fest, dass die Fahrt zum Friedhof geht. „Ich bin doch noch gar nicht tot“, wendet er ein. „Wir sind ja auch noch nicht da“, antwortet der Doktor. Grenzwertiger Humor – aber wer, wenn nicht Wolfgang Stein, dürfte solche Scherze machen? Seine Selbstdiagnose: „Ich habe halt diese Lachkrankheit.“

Er steige wieder beim SV Obernkirchen ein, ließ er im Sommer wissen, und zwar als Stadionsprecher. Was andere vielleicht als mühselige Pflichtaufgabe empfinden würden, ist für ihn in spürbarer Weise ein kleiner, aber nicht unwichtiger Schritt in Richtung Normalität. Stein muss den Job am Mikrophon im Sitzen erledigen, seine Stimme ist nicht mehr so fest wie früher, aber der Gesamtauftritt hat Kult-Potenzial.

Aufgaben im Fußball waren ihm nämlich schon immer wichtig. In den sechziger Jahren spielte er beim SVO, diente sich von der 4. Herrenmannschaft bis in die Verbandsligatruppe hoch, die in der damals vierthöchsten Klasse spielte. Sein Debüt in der Ersten gab er auf dem Ochsenbruch gegen Preußen Hameln vor 3 000 Zuschauern, im Amateurfußball eine heute undenkbare Kulisse. Wie dominant der SVO im heimischen Raum damals war, zeigt sich auch daran, dass die Reserve seinerzeit drauf und dran war, von der Bezirksklasse in die Bezirksliga aufzusteigen.

Beruflich kam Stein zurecht. Er lernte bei der Post, damals noch ein lupenreiner Monopolist, verpflichtete sich für acht Jahre bei der Bundeswehr und stieg danach 1974 beim Pumpenhersteller Bornemann ein. Helmut Daseler hatte ihm die Anstellung vermittelt. Wegen ihm ging „Collin“ Stein später fußballerisch sechs Jahre fremd, spielte unter Daseler als Trainer beim FC Hevesen und war dort sogar Spartenleiter. Aber der SV Obernkirchen ließ ihn nicht los. „Collin“ Stein kehrte zum Ochsenbruch zurück und wurde zum Mädchen für alles – Spartenleiter, Pressemann und auch Stadionsprecher. Es war die Zeit von Spielern wie Ludwig „Locke“ Castaldo, Klaus Rödenbeck und später Michael Scherf. Steins Scharfsinn war jenseits des Fußballs auch mal im Fernsehen zu bestaunen, als er in einem Sat-1-Quiz bei Showmaster Peter Bond schwer abräumte und beinahe ein Auto gewonnen hätte.

1993 aber der Schock. Stein musste wegen einer geplatzten Ader in Minden notoperiert werden. Geruchs- und Geschmackssinn sind seitdem stark beeinträchtigt. In den Jahren nach 2010 dann die drei Schlaganfälle, wegen derer er gehbehindert ist. Aber „Collin“ Stein lässt sich nicht unterkriegen, obwohl er immer noch bei sechs Fachärzten in Behandlung ist und wohl nie wieder restlos gesund wird. Dass er durchhielt, dass er seinen köstlich hintergründigen Witz nicht verlor, ist auch ein Verdienst seiner Ehefrau Waltraud, die er „Traudel“ nennt. Sie war immer an seiner Seite, sie stand zu ihm. Mittlerweile sind sie seit 44 Jahren verheiratet. „Ich habe sie der Bundeswehr zu verdanken“, erzählt Stein, denn er lernte seine „Traudel“ während eines Lehrgangs in Sonthofen im Allgäu beim Tanzen kennen. „Er kam in den Monaten danach immer wieder, er ließ einfach nicht locker“, berichtet Waltraud. Irgendwann war sie dann überzeugt, irgendwann kutschierte er sie stolz in seinem VW-Käfer nach Obernkirchen, wo die aufgeschlossene Waltraud aus Bayrisch-Schwaben heimisch wurde und sich seither wohlfühlt.

Am 17. Oktober wird Wolfgangs 70. Geburtstag gefeiert und selbst zu diesem Anlass fällt ihm ein schräger Scherz ein: „Eigentlich würde ich 80, wenn ich nicht zehn Jahre krank gewesen wäre.“

Autor: Jörg Bressem

SZ   26.04.17   Ins Schwitzen kommt er heute nicht mehr

Manni Wagner sitzt seit 40 Jahren an der Kasse des Fußball-Bezirksligisten SV Obernkirchen

Autor: Arne Boecker, Reporter

OBERNKIRCHEN. Von August bis Mai macht sich Manfred Wagner – den keiner Manfred, sondern jeder Manni nennt – fast jeden zweiten Sonntag um 13.15 Uhr auf den Weg. Manchmal holt er auch das Moped aus der Garage. Den Beckmarhau läuft er hoch, dann geht es über die Rintelner Straße steil abwärts in die Stadt Obernkirchen, bis er nach links zum Ochsenbruch abbiegt. Dort ist der Sportverein Obernkirchen von 1920 zu Hause, im Johann-Heinrich-Bornemann-Stadion – und Wagner irgendwie auch.

Zwei Kassenhäuschen bewachen die Eingänge zum Stadion, die Bude an der Admiral-Scheer-Straße betreut Wagner. Er tut dies seit 40 Jahren. Wenn er an Spieltagen ankommt, steuert er erst mal das Sporthaus an, „eine schöne Tasse Kaffee trinken und ein bisschen mit denen quatschen, die sich auch schon auf ihren Dienst vorbereiten“. Heute spielt der SV Obernkirchen gegen die Reserve des VfL Bückeburg, für beide geht es noch gegen den Abstieg. Aus Schaumburger Sicht gesehen ist die Bezirksliga Hannover, Staffel 3, in dieser Saison ein ziemliches Trauerspiel.

Dann kehrt Wagner zu seiner hölzernen Bude zurück. Er kramt das Wechselgeld in die Kasse. Scheine: zwei Zehner, sechs Fünfer. Hartgeld: zehn Zweier, 25 Einer, zehn Fünfziger. Die Eintrittskarten rollen sich auf zwei Banderolen. „Die gelben sind für den normalen Vier-Euro-Eintritt“, erklärt Wagner, „die grünen sind für Rentner, Studenten und SVO-Mitglieder, die müssen nur Zweifünfzig zahlen.“ Schließlich schlägt er das Heft auf, in dem er sorgfältig notiert, wie viele gelbe und grüne Eintrittskarten er durch den schmalen Schlitz am Eingang reicht. Diese Zahlen wird er nach dem Spiel mit den Einnahmen vergleichen, fast immer geht die Rechnung auf.

Es ist 14 Uhr: Jetzt könnten sie eigentlich strömen, die Massen. Tatsächlich tröpfeln die ersten Fans so gegen 14.30 Uhr durch den Eingang, Fußball-Romantiker, die gern ein bisschen Stadionluft schnuppern, bevor das Spiel losgeht, und schon mal kontrollieren, ob die Bratwurst ordentlich bräunt. Karte gegen Geld: Allzu viel geredet wird bei dieser Transaktion nicht, höchstens mal ein kurzer Schnack oder ein Spruch über Hannover 96. Der SVO-Kassierer ist Fan der Roten „seit immer“.

Wagner ist gebürtiger Obernkirchener, nein, er ist sogar ein Hüttjer. So nennen sich stolz die, die im Schatten der Glashütte oben auf dem Schauenstein aufgewachsen sind. Wagner hat den größten Teil seines Arbeitslebens bei Heye-Formbau verbracht, das heute neudeutsch Uni Mould heißt. Horst Thomas, früher mal Vorsitzender des SVO, fragte ihn, ob er nicht als Kassierer aushelfen wolle. Was daraus geworden ist, kann Wagner selbst kaum glauben: „40 Jahre, das schafft wohl so schnell keiner mehr.“ Als der SVO-Vorstand ein Schweinshaxe-Essen für seine Ehrenamtler veranstaltete, gab er bekannt, dass er weitermachen wolle; sogar der Bürgermeister klatschte. Wagner scheint grundsätzlich ein Treuer zu sein, dem Verein gehört er schon seit 51 Jahren an.

Das Kassenhäuschen, in dem Wagner sonntags etwa anderthalb Stunden verbringt, ist etwa zwei Meter hoch, ein Fenster geht raus zum Spielfeld. Wenn sich Wagner in die Mitte setzen würde, könnten seine Fingerspitzen fast die Wände erreichen. Die paar Spinnweben stören hier niemanden. Ein E-Heizungchen wärmt im Winter, ein Mini-Ventilator kühlt im Sommer, im Radio dudelt der NDR vor sich hin. Schließlich muss der 96-Fan, der für anderthalb Stunden auf diesen paar Quadratmetern wohnt, wissen, was seine Roten machen. „Als ich angefangen habe, gab’s die ganze Technik nicht“, erzählt Wagner. Vor zwei Jahren hat er dafür gesorgt, dass ein Vordach gebaut wird, „damit den Wartenden bei Regen das Wasser nicht in den Kragen läuft“.

Gegen 15.30 Uhr, eine halbe Stunde nach dem Anpfiff, schließt Wagner sein Kassenhäuschen ab. Im kleinen Fußball ist so was üblich, zweite Halbzeiten kosten keinen Eintritt. Wie überall warten auch in Obernkirchen ein paar klamme – oder geizige – Fans ungeduldig darauf, dass der Kassierer endlich seinen Posten räumt. Wagner geht zurück zum Sportheim, jetzt hat er sich eine Bratwurst verdient. 57 zahlende Zuschauer verzeichnete sein Kassenbuch, dieselbe Zahl wird wohl an der anderen Kasse zusammengekommen sein. „Richtig ins Schwitzen kommen wir Kassierer heutzutage nicht mehr“, lacht Wagner, „das war in den 60er-Jahren, als Obernkirchen in der Verbandsklasse spielte, ganz anders“. Im Schnitt kamen damals 800 Zuschauer auf den Ochsenbruch, Spitzenspiele gegen Preußen Hameln zogen bis zu 3000 Zuschauer an. So gesehen kann man in Wagners Kassenhäuschen den Niedergang des Schaumburger Fußballs gut nachvollziehen. Die Zahl der Zuschauer sinkt ebenso wie die Zahl der Mannschaften, weil die Zahl der Spieler sinkt. „Demografischer Wandel“ nennen Politiker so was.

Andreas Jürgens war bis vor Kurzem Vorsitzender des SV Obernkirchen, sechzehn Jahre hat er den Job gemacht. „Manni Wagner ist ein gutes Beispiel für Ehrenamtler, ohne die kein Verein bestehen kann“, sagt er. Wagner ist nicht der Einzige, der bei Heimspielen hilft, wie Jürgens weiß. Er zählt ein paar Beispiele auf: „Jürgen Pott sitzt an der anderen Kasse, Colin Stein macht den Stadionsprecher, Martina Sommer-Sambataro brät Würstchen, Jörg Schmeding und Olaf Denocke verkaufen Bier und Cola, und Herbert Kuller hat den Platz hergerichtet.“ In Obernkirchen wie anderswo weiß man: Die Bereitschaft sinkt, sich für Gotteslohn zu engagieren. Man will ja gern helfen, aber die Zeit, die Zeit, keiner hat mehr Zeit.

Wagner war als Fußballer kein Messi. In der SVO-B-Jugend hat er gespielt, als Erwachsener ein paarmal in der Zweiten und der Dritten. Acht Saisons betreute er Jugendteams. Er war beliebt bei den Jungs, weil er schon mal eine Runde Pommes schmiss und wenn der Jahrmarkt in der Stadt war, organisierte er Frei-Chips für den Autoscooter. Ein Wagner-Wochenende konnte seinerzeit so aussehen: Samstags die C-Jugend coachen, sonntags um 10.30 Uhr in der Vierten spielen, danach schluckte ihn das Kassenhäuschen. „Der Sonntag war ein schwerer Sonntag, wenn wir die Samstagnacht im Mindener Studio M rumgebracht hatten“, erinnert sich Wagner.

Zurück aus der Vergangenheit in die Gegenwart auf den Ochsenbruch: Aus Sicht von Wagner ist dies ein schöner Sonntag. Sein Verein gewinnt das Derby durch ein viel umjubeltes Tor in der Nachspielzeit 1:0, und die Kasse stimmt auch. In zwei Wochen wird er sich im Beckmarhau wieder auf den Weg machen, so gegen 13.15 Uhr. Darauf kann sich der SV Obernkirchen von 1920 verlassen.

 

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